Theuderics Tagebuch

Eine Person, die sich gewaltsam Zugang zu Theuderics Schreibstube verschaffte und seine Habe durchsuchte, würde möglicherweise ein, in grobes Leder gebundenes, Buch vorfinden, in dem unter anderem folgende stichprobenartige Notizen vermerkt wären:

Erstes Jahr

Juli 1175

Die hiesigen Verhältnisse überraschen mich nur all zu sehr, weichen sie doch in beinahe jeder Hinsicht von den mir vertrauten Strukturen eines, in den Träumen der Vergangenheit verhafteten, Herbstbundes ab. Vieles mutet roh, ja gerade zu archaisch an, treffen an diesem Ort doch hermetische Expertise auf ein vorsintflutliches Gebaren, gehen hier doch kahle Felswände und aristotelische Philosophie Hand in Hand, werden hier doch einer Gemeinschaft, die sich aus dem Bodensatz der Gesellschaft zusammen zu setzen scheint, soziale Strukturen abgerungen, die sich freilich nur mit Mühe etablieren, die, jedem logischen Widerstand zum Trotze, letztlich jedoch blühen und gedeihen, möglicherweise, weil sie diesen Ort als gemeinsame Rückzugsstätte als ein Heim der Ausgestoßenen unter dem fortwährenden Plätschern der Jahreszeiten schätzen gelernt haben. Soll dieser Ort nun das innig behütete Heim sein, dem ich meine Stimme und meine Kraft leihe, für das ich bereit bin, Blut und Schweiß zu vergießen und das mich letzten Endes um meinen wahren Wert schätzen lernen wird?

September 1175

Diesem Ort haftet etwas Dunkles, etwas Finsteres an, und ich spiele damit nicht auf die Sagen und Legenden an, die die Gemeinen für Nocturnus kennen. Es ist vielmehr eine dem Land selbst inne wohnende Kraft, die aus dem Herzen der Erde nach außen diffundiert und deren Schwärze sich in den Strahlen der Sonne, die der Herr auf die Erde sendet, bricht und mit ihnen regelrecht zu kollidieren scheint. Die Kälte und die Finsternis werden kompensiert von dem pulsierenden Licht der Seelen, die das Leben der Menschen an diesem Ort wieder spiegeln, Menschen mit Hoffnung und dem Willen zu triumphieren – gegenüber der Dunkelheit ebenso wie gegenüber ihren jeweiligen Schicksalen, die sie an diesen Ort geführt haben. Gepriesen sei der Herr in seiner Güte, in der er die Vielfalt der Welt des Lichts erstrahlen lässt.

Winter 1175

Die Finsternis droht aus Nordost. Offenbar sind sie sich des Wertes jenes Bollwerks, das der alte Mann für sie errichtet, in keinster Weise bewusst. Sie sehen lediglich den Stein, die Wohnstätte, die Form, jedoch nicht die Funktion. Ob Haraldus selbst sie wohl sieht? Oder ist er dem selben oberflächlichen Wankelmut verfallen wie seine anderen Sodales?

Dezember 1175

Dieser Winter übertrifft in seiner Intensität, in seiner Kälte und seiner Dunkelheit alles, was kennen zu lernen mir auferlegt war. Der bedrückende Schauder scheint von überall und nirgends her zu kommen, eingekesselt von einer Bedrohung, die von Norden ebenso wie von Osten zu kommen scheint. Ich bete, die Herren mögen wissen, was sie tun und sich der Gefahren, die um sie herum lauern, bewusst sein. Herr, schenke uns deine Gnade, auf dass wir den Winter hinter uns lassen und mit Zuversicht in ein neues Jahr blicken, deinen Namen zu preisen.

Februar 1176

Die beißenden Fröste des Winter fallen nach und nach von Nocturnus ab. Die singende Sonne zersetzt das Eis und treibt es in Sturzbächen in die Täler hinunter. Gepriesen sei der Herr.

Ende März 1176

Nach geschlagenen drei Jahreszeiten ist es an der Zeit, ein Resumée für das eigene Wirken zu ziehen. War es richtig, diesen Ort aufzusuchen? War es richtig, diese Stellung zu bekleiden? Ich vermag es noch nicht zu sagen, doch die Tatsache, dass mein Wirken als Teil des Ganzen, als einer der Pfeiler die Plattform dieser Stätte trägt, mag zeigen, dass mein Schweiß nicht umsonst vergossen ist.

April 1176

Die Finsternis bricht in fleischgewordener Form vom Himmel herab über uns herein. Werden wir stark genug sein, ihr zu trotzen, der Arm des Lichts sein und letztlich triumphieren?

Noch April 1176

Nachdem die Anfangshürden genommen sind und meine Arbeit die ersten Früchte trägt, ist es mir zuweilen vergönnt, das Geschehene und die Verhältnisse in Demut und Objektivität zu reflektieren und mir in der Ruhe der Zurückgezogenheit ein eingehenderes Bild von den Dingen um mich herum zu machen.

Cornelius
Er trägt das Herz am rechten Fleck, aber er wirkt ruhelos wie ein Blatt im Wind, wie der Kolkrabe der in ihm steckt. Es wohnt beachtliche Weisheit in ihm, doch wird er weise genug sein, diese Gabe nach außen zu tragen und andere daran teil haben zu lassen?
Elata
Die feine Dame scheint als einzige den Wert zu erkennen, die die Strukturen der Gesellschaft für uns darstellen und die mit Verstand und Muse gepflegt werden müssen, damit auch das Individuum davon profitiert. Sie ist auch ganz die unbesonnene Tytala: oberflächlich, vorschnell und jeglichen Rat in den Wind schlagend.
Tolides
Ich blicke in seine Augen und erblicke den Abgrund, wo Leere und Finsternis gähnen.
Haraldus
Er gleicht in mancherlei Hinsicht Cornelius und könnte gar ein Streiter des Lichts-, ein ruhmreicher Führer sein, doch scheint auch er seinen Weg und seine Bestimmung nicht zu kennen. Wird er lernen, zurück zu blicken, wenn andere zu ihm aufschauen, sie anleiten mit starkem Arm, wie es einem edlen Recken vorbestimmt ist?
Remigius
Er sollte dem hermetischen Gesetz ein Gesicht leihen, doch kennt er sich selbst? Weis er, wo er steht und auf welchem Grad er wandert, wenn er in einer Umgebung wie der hiesigen wirkt? Ist er sich der Tragweite der Entscheidungen, die er trifft, auch nur ansatzweise bewusst?
Uservia
Nun, da die Krähe fort ist, bleibt nichts als die Schakale, die über ihr Nest herfallen.
Frangor
Er hat Welpen um sich geschart, die ihm dienlich sein sollen, seinen Bau zu bewachen. Die Jungen sind nicht seine eigenen – und mehr noch, als es die eigenen wären, sind die fremden entbehrlich.

Mai 1176

Nocturnus wird vom Grauen heimgesucht, das innerhalb der eigenen Reihen wildert. Das Unheil ergreift von Remigius Besitz, eine Tatsache, der selbst mit dem üblichen Wortwitz und Tatendrang der jungen Magier nicht beizukommen ist und damit einen bitteren Nachgeschmack der Machtlosigkeit in deren Gaumen zurücklässt. Das wahrlich Schlimme liegt nicht nur in der Intensität des uns versetzten Schlages, sondern auch der, noch gar nicht absehbaren, mittelbaren Tragweite. So erstreckt sich die Kunde über die Ereignisse nicht nur auf die hiesigen Gemeinen, sondern könnte in Bälde auch weitere Kreise ziehen, als es einer rechtschaffenen Seele lieb ist.

Nachtrag

Wie ich soeben von Lev, einem innerhalb seiner Grenzen zuverlässig operierenden Handlanger, erfahren habe, ist der Neuankömmling Volkmar nicht nur in den aktiven Wachdienst erhoben-, sondern auch mit der Begleitung einer hoch-sensiblen Mission – der Vertreibung des sich derzeit breit machenden Unheils – betraut worden. Mir scheint, bei den jungen Magiern handelt es sich nicht nur um unreife, naive Milchbärte, sie agieren überdies ignorant, ja beinahe opportunistisch.

Weiterer Nachtrag für Mai 1176

Obgleich mir als Quelle meiner Informationen lediglich die Recken selbst zur Verfügung stehen, was den Wahrheitsgehalt ihrer Worte freilich zumindest theoretisch schmälert, habe ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Grund zu der Annahme, dass sie zu Übertreibungen ihrer eigenen Taten neigen und mir ein subjektives Zerrbild der Ereignisse auftischen. So komme ich nicht umhind, die Standhaftigkeit und Furchtlosigkeit von Heinrich und Hans, und auch von Volkmar, dem Neuen, anzuerkennen, indem sie sich tapfer dem Unheil gegenüber stellten, in das sie ihre Herren führten, und deren infernaler Inkarnation zu begegnen sie bestimmt waren. Mir düngt, als könne ein Dutzend furchtloser Recken dieser Kragenweite jegliches, von außen auf uns eindringende, Übel von Nocturnus fernhalten.

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