Kapitel 1: Ein herzliches Willkommen

Frisches Blut

Wir schreiben das Jahr 1175. Es ist April. Der Frühling versucht sich vehement gegen die letzten Überbleibsel eisiger Umklammerung des vergangenen Winters zu behaupten. Die Vögel zwitschern. Die Sonne scheint. Und dennoch scheint nahe des Ortes, den man in hermetischen Kreisen unter dem Namen Nocturnus kennt, für diejenigen, die Mutter Natur nahe stehen oder ein Ohr für ihre metaphysische Stimme haben, eine gewisse Spannung, eine mit Schwermut behaftete Tranquilité, in die Luft zu liegen.

Zu den Hörenden und Fühlenden zählt Cornelius ex Bjornaer, der nach Abschluss seiner Ausbildung auf der Suche nach einem Covenant von einem Raben aufgefordert worden ist, in Nocturnus vorstellig zu werden. Er folgt der Aufforderung, fliegt – ebenfalls in Rabengestalt – dorthin und trifft auf Uservia, die ihm das übliche Angebot unterbreitet: zu bleiben und Nocturnus als sein Heim zu betrachten. In diesem Zusammenhang überreicht sie ihm den üblichen Beutel üblichen Inhalts. Der junge Bjornaer erbittet sich eine Bedenkzeit von einer Nacht, die ihm die ältliche Tytala bereitwillig gewährt. Er kommt für die Dauer der Nacht in einem einfachen, beinahe kärglichen, Gästequartier unter – einer praktisch in unbearbeitetem Zustand belassenen Höhle.

Elata ex Tytalus, die Nocturnus erst vor wenigen Wochen zu ihrem permanenten Wohnsitz auserkoren hat, unternimmt in Begleitung ihrer Gesellschafterin Susanne ihren üblichen sonntägigen Kirchgang. Die Messe wird von einem gemütlichen, gutmütigen Mönch, Bruder Bonifaz, gelesen, mit dem die elegante Elata, die innterhalb der Grenzen Vurtes unter dem Namen Katharina von Anhalt verkehrt, bereits vor dem Gottesdienst kurz ins Gespräch kommt. Nach der Messe stattet sie der hiesigen Taverne einen Besuch ab, um sich dort nach den neuesten Ereignissen zu erkundigen.

Haraldus ex Guernicus hat sich während der vergangenen Tage extensiv die Zeit genommen, die nähere Umgebung seiner neuen Bleibe weiträumig zu Pferde in Augenschein zu nehmen, indem er auf den Straßen und nahegelegenen Marktflecken verkehrte. Anstatt in einer finsteren Höhle des Haupthöhlensystems Unterschlupf zu suchen, begnügt sich der, wie ein Ritter anmutende, junge Mann mit einem Schlafplatz im Gesindehaus der Grogs.

Als Tolides, der sich seit etwas über einem Monat in Nocturnus einquartiert hat, am späten Abend von einer Begehung der umliegenden Hügel zurückkehrt, trifft er auf den, lediglich in schlichte Schaffelle gehüllten, Cornelius, der gerade von einem Flug zurückkehrt. Es kommt zu einem kargen Wortwechsel der beiden Magier, die sich anschließend in ihre jeweiligen Gemächer zurück ziehen.

Zu Tisch

Elata erweist sich als geschäftige Frau, deren erste Direktive es zu sein scheint, Leben und Form in die von Finsternis und Schwermut geplagte Höhlenwelt zu hauchen. Nicht nur, dass sie ihr eigenes Gemach und Sanctum mit extravaganter Finesse arrangiert, sie plant auch den Bau eines Badehauses nahe der hiesigen Wasserquelle und lädt ihre neuen Sodales zu einem Begrüßungsschmaus an ihre Tafel ein, um das gegenseitige Kennenlernen zu ermöglichen und zu zelebrieren. Die diesbezüglichen Einladungen zu verteilen überlässt sie wohlweislich Susanne, was sich im Falle von Tolides zu einer echten Zerreißprobe für die bemitleidenswerte Mittdreißigerin herausstellt. Einfacher gestaltet sich das Aussprechen der Einladungen bei den Herren Cornelius und Haraldus, wobei ersterer sich eigens zu diesem Zweck den guten Zweitrock des Grogs Bartholomäus ausborgt, um sein Fell für die Dauer des Abends bei Seite zu legen.

Das gemeinsame Essen an der ästhetisch in Szenen gesetzten, ovalen Tafel, das für die versammelte Viererschaft von der fremdländischen Aida vorzüglich zubereitet wird, erweist sich zumindest für die weniger griesgrämigen unter den Sodales als wohltuend und erquickend. Man tauscht sich über die eigene Anwerbung aus und kommt auf verschiedene, den Covenant betreffenden, Dinge zu sprechen, darunter die beunruhigende Frage, ob Nocturnus überhaupt über eine Aegis verfüge, die den Bund gegenüber seinen in Aussicht gestellten Feinden ausreichend schützt.

Während des Essens stolpert plötzlich der an der Stirn blutende Bartholomäus vor die versammelte Magierschaft, um zu berichten, dass sich ein gewisser Osiander am Haupteingang eingefunden habe, um einen Handel mit Uservia zu besprechen. Die stellvertretende Princeps sei gegenwärtig jedoch leider nicht vor Ort, um den Gast persönlich zu empfangen, was den Fremden sichtlich verärgert habe. Er ersucht die Versammelten daher um eine schnellstmögliche Stellungnahme.

Elata, ganz die wohl gesittete Diplomatin, bittet Osiander persönlich herein und bietet ihm überdies an, gemeinsam mit den anderen Magiern zu Abend zu essen. Der verschrobene Osiander ex Merinita nimmt das Angebot kurzerhand an und geizt nicht mit Appetit. Er sei eigens aus Irencillia angereist, um Nocturnus einen Handel vorzuschlagen: im Besitz von Nocturnus befände sich das Original des Werkes „Ewig singen die Wälder” von Baraia ex Merinita, einem ehemaligen, hochgeschätzten Mitglied seines Hauses und Bundes. Irencillia selbst verfüge lediglich über eine (selbstverständlich gleichwertige) Kopie des Originals, die, zzgl. vier Pawns Vim-Vis, er gegen das hiesige Original einzutauschen bereit sei. Da weder Frangor, noch Uservia zugegen sind, bitten sich die versammelten Magier eine Bedenkzeit für ihre Entscheidung aus. Dies lässt Osiander unerwartet wutentbrannt aufspringen, ausrufen, dass er in einer Woche ihre Antwort erwarte und schnurstracks den Raum verlassen. Haraldus folgt ihm hinaus vor die Höhle und wird Zeuge, wie Osiander den am Haupteingang Wache stehenden Ulrik unter Zuhilfenahme eines Zaubers zur Seite schleudert und dann fluchend von dannen eilt. Überdies meint der Guernicus allerlei Bewegung in den umliegenden Büschen zu erkennen, was er auf darauf zurückführt, dass Osiander nicht alleine reist. Er weist Lev an, dass ab sofort zu jeder Tages- und Nachtzeit Wachen am Eingang zu postieren seien.

Die vier jungen Magier nehmen das Erscheinen Osianders zum Anlass, einen Blick in die hiesige Bibliothek zu werfen, um sowohl die Existenz des besagten Werkes im speziellen zu verifizieren, als auch den Bestand im allgemeinen in Augenschein zu nehmen. Neben einigen unscheinbaren Folianten und Pergamenten stechen vor allem vier, sehr individuell und zum Teil überaus kunstfertig aufbereitete, Bücher ins Auge, unter denen sich auch Baraias „Und ewig singen die Wälder” befindet. Das Buch scheint nach frischer Waldluft zu duften, was entweder an dem mit Moos überwucherten, hölzernen Einband- oder aber der dem Werk inne wohnenden Magie liegen mag: während ein Erkennungszauber von Cornelius bzgl. einer möglichen Illusion ohne Resultat bleibt, zeigt Elatas generelle Untersuchung hinsichtlich magischer Einbettung eindeutig Erfolg. Man kommt überein, dass Elata das Buch sicherheitshalber über Nacht in ihrer Obhut verwahren soll.

Die Maga stattet in dieser Sache Frangor einen Besuch ab, um ihm den Sachverhalt zur Kenntnis zu bringen und eine Entscheidung von ihm zu erbitten. Sie erhält von der gebrochenen Stimme des Princeps lapidar zur Antwort, er sei nicht an Herbam-Magie interessiert und sie solle entscheiden, wie weiter vorzugehen sei.

Nächtliche Ruhestörung

Des nachts vernimmt Ulrik während seiner Wache ein Rascheln im Gebüsch, was er zum Anlass nimmt, einen Stein in diese Richtung zu schleudern. Daraufhin erhebt sich eine große, humanoide Gestalt, deren Form und Konturen er nicht genau wahrzunehmen vermag, aus dem Dickicht und entfernt sich schnellen Schrittes vom Eingang, was an großen, tatzenartigen Abdrücken im feuchten Untergrund eindeutig erkennbar ist. Ulrik nimmt die Verfolgung auf und holt den Flüchtigen ein, als dieser über eine Wurzel stolpert. Als er dem Unsichtbaren zusätzlich einen Schlag versetzt, wird er sichtbar und entpuppt sich als eine humanoide Bestie mit Fell sowie entsetzlichen Fängen und Klauen. Der Grog ist starr vor Entsetzen, kann jedoch geistesgegenwärtig verhindern, dass das Monster seine fallen gelassene Stangenwaffe vom Boden hochreißt und ihn angreift. Brüllend springt es mit einem riesigen Satz auf das Dach des Pferdestalls und von dort in den dunklen Wald.

Ulrik rüttelt Lev aus dem Schlaf, um ihm bruchstückhaft die Situation zu vermitteln sowie die sonderbare Waffe der Bestie in die Hand zu drücken. Haraldus wird sowohl von der sich erhebenden Unruhe-, als auch dem Wiehern seines Rosses geweckt. Er und Lev nehmen sich der Sache an und versichern gegenüber Ulrik, am nächsten Morgen die Aufklärung der Ereignisse zu forcieren. Er selbst solle zu seinem Wachposten zurückkehren.

Am nächsten Morgen wird Ulrik von einer merkwürdigen Katze angestupst, die an ihm vorbei aus der Höhle in den Morgentau hinaustapst. Die Katze, Felis Elata, entdeckt die nächtlichen Spuren und informiert Haraldus und Cornelius. Cornelius kann in den, vom Regen ausgewaschenen, Spuren lesen, dass etliche Personen am Schauplatz zugegen waren und dass sich jeweils ein Paar großer und kleiner Füße von dort entfernt hat. Die drei Magier kommen überein, umgehend die Verfolgung aufzunehmen.

Haraldus setzt Tolides über die nächtlichen Ereignisse in Kenntnis bevor er sich an seine eigenen Untersuchungen macht. Elata und Cornelius verwandeln sich in Raben, um unabhängig von einander das Territorium in einem großen Radius abzusuchen. Während Elata die Umgebung um Vurte ausspäht, folgt Cornelius der Straße nach Norden, vorbei an der alten Mühle in Richtung Taus. Außer einer Wagenladung mit Glaswaren, die mit großer Wahrscheinlichkeit für Nocturnus bestimmt ist, entdecken weder er noch noch die Tytala nennenswerte Hinweise auf die nächtlichen Ruhestörer.

Letzte Änderung dieser Seite: 17.02.2007 21:45 | Kategorien: Chronik